Wörter aus der zweiten Gruppe stammen häufig aus dem Hebräischen oder seltener auch aus dem Romani, also der Zigeunersprache. Vielfach falsch gedeutet wurde Martin Luthers Einführung in eine Neuauflage des Liber vagatorum von 1528 unter dem Titel „Von der falschen Bettler Büberei“, in der es heißt: „Es ist freilich solch rottwelsche Sprache von den Juden komen, denn viel ebreischer Wort drynnen sind, wie denn wohl mercken werden, die sich auff Ebreisch verstehen.“16 .
Falsch ist diese Aussage nicht, gab jedoch häufig Anlass zu Fehlinterpretationen. Das Hebräische ist, insgesamt betrachtet, eine der wichtigsten Spendersprachen des Rotwelschen. Doch trotz der zahlreichen Ausdrücke hebräischer Herkunft, verstehen Kenner der jüdischen und hebräischen Sprache das Rotwelsche zumeist nicht, da zahlreiche Sinnänderungen vorgenommen wurden (Landmann, 1962, S.415). Luthers Formulierung bildete oftmals eine Grundlage für antisemitische Argumentationen, welche lediglich auf einer Fehldeutung dieses Einleitungssatzes basieren.
Vielerorts wird das Jiddische als eine Quelle des rotwelschen Wortschatzes genannt, was jedoch nicht ganz zutreffend ist. Verwirrenderweise bezeichnet Jiddisch umgangssprachlich das so genannte Jüdisch-Deutsch, steht aber ursprünglich für die „regelrechte Verkehrs- und Literatursprache des osteuropäischen Judentums“17 . Korrekt wäre eine Bezeichnung wie Westjiddisch, die jedoch irreführend und anachronistisch ist (Weinberg, 1973, S.14). Aufgrund mangelnder Sprecherkontake und fehlender sprachlicher Nachweise kann ein Einfluss des Jiddischen auf das Rotwelsche ausgeschlossen werden. Die Bezeichnung Jüdischdeutsch ist nicht nur treffender, sie läßt auch Rückschlüsse auf dessen Status zu. Es bildet keine eigene Sprache, sondern vielmehr einen „Ethnolekt des Deutschen“(Matras, 1996, S.45).
Heutzutage finden sich zahlreiche hebräische und jüdischdeutsche Ausdrücke in der Alltagssprache, aber nicht alle fanden ihren Weg über das Rotwelsche in die Umgangssprache. Ein Beispiel für den Einfluss des Hebräischen ist der Ausdruck ’Pustekuchen’, welcher sich zwar im Duden befindet, aber ohne jeglichen Hinweis auf die Gaunersprache. ’Pochem’ bedeutet ’weniger’, ’kochem’ ist der hebräische Ausdruck für ’schlau’ oder ’klug’. Insofern ist die Bedeutung von ’Pustekuchen’ also „wenig schlau“, und hat nichts mit Gebäck gemeinsam.
Der Begriff ’schachern’ (hebr. sakar = Handel treiben), welcher auch vom Duden als gaunersprachlich gekennzeichnet ist, ist ein Beispiel für das handelsspezifische Vokabular des Rotwelschen, welches überwiegend aus dem Hebräischen entnommen wurde. Das Wort ’rewach’ für ’Zins’ gelangte ebenso über die Gaunersprache in den allgemeinen Sprachgebrauch. Als ’Reibach machen’ etablierte es sich im 19. Jahrhundert. Im Liber vagatorum hingegen ist kaum handelsspezifisches Vokabular enthalten. In der Tat kamen die jüdischen Einflüsse in der Frühzeit des Rotwelschen weniger durch die Händler als durch Bewohner städtischer Ghettos. Ein handelsspezifisches Vokabular bildete sich erst später durch sesshafte Rotwelschsprecher aus (Honnen, 2000, S.18).