Neben den von Schottel genannten Arten der Veränderung deutscher Worte, um so ihre Bedeutung geheim zu halten, gibt es auch zahlreiche unverhüllte deutsche Ausdrücke im Rotwelschen (Franke, 1996, S.32). Dabei wurden allerdings nicht die geläufigen Bedeutungen benutzt, sondern abgewandelte, an Situationen und Schichten angepasste Variationen. Wenn man die deutschen Einflüsse auf das Rotwelsch betrachten will, dann muss zunächst grob in zwei Bereiche unterschieden werden:
Während bei Ausdrücken aus der ersten Gruppe tatsächlich deutsche Einflüsse vorherrschen, verleitet die zweite Gruppe leicht dazu, eine einfache Bedeutungsverscheibung anzunehmen, was nicht immer korrekt ist.
Besonders in frühen Formen des Rotwelsch tauchen häufig Worte wie ’Floßling’ (Fisch), ’Grifling’ (Hand oder Finger) und ’Streifling’ (Hose) auf, diese entstammen eindeutig der deutschen Sprache und richten sich nach den typischen morphologischen Bildungsmustern.
Folgende Wortfelder werden von den mit ’-ling’ gebildeten Substantiven
abgedeckt15 :
Tiere und Pflanzen: floßling/’Fisch, krachling/’Nuß’
Personen: schreiling/’Kind’
Körperteile: dierling/’Auge’, lüßling/’Ohr’
Kleidungsstücke: dritling/’Schuh’
Dinge: ribling/’Würfel’
Münzsorten: blechling/’Kreuzer’, speltling/’Heller’
Solchen Ausdrücken wird, falls sie überhaupt im Duden auftauchen, zumeist keine gaunersprachliche Bedeutung beigemessen, was vermutlich daran liegt, dass die Verwendung des ’-ling’ Suffixes nicht von der gemeinsprachlichen Bildung abweicht, sie Laufe der Zeit entweder vollständig in die Sprache integriert wurden oder als veraltet herausgefallen sind. Überhaupt haben sich nur wenige dieser Begriffe in der Sprache behauptet, als Beispiel seien hier ’Riecher’ und ’Gucker’ genannt, denen heutzutage jedoch niemand mehr eine geheimsprachliche Bedeutung zusprechen wird.
Was jedoch immer noch Bestand hat, sind Simplizia, die durch einen Bedeutungswandel erst zu geheimsprachlichen Ausdrücken wurden. Diese haben teilweise auch Einzug in das Wörterbuch gehalten, so die Bedeutung von ’finden’ für das Wort ’stehlen’ oder ’schieben’ als ’dunkle Geschäfte betreiben’ zu bezeichnen. Nicht zu vergessen sind auch die Ausdrücke des Mittelhochdeutschen.