Zwischen dem Rotwelsch des fahrenden Volks und den noch vereinzelt zu beobachtenden Resten in Städten und Gemeinden bestehen nicht nur Gemeinsamkeiten in bezug auf das verwendete Vokabular, sondern auch bezüglich der Funktion der Geheimsprache.
Die sprachliche Absonderung mittels einer Geheimsprache hatte und hat vier Gründe: 1. Informationsschutz, 2. Gefahrenabwehr, 3. Täuschungsabsicht, 4. Integration. Während die ersten drei Funktionen eher auf die Umgebung gerichtet sind und primär auf Schutz oder Betrug abzielen, so bezieht sich der vierte Punkt auf die Sprechergemeinschaft selbst und stellt vermutlich die wichtigste Funktion der Sprache dar (Honnen, 2000, S. 14).
Lange Zeit ging man davon aus, dass das Rotwelsche allein aus Gründen der Geheimhaltung erschaffen und gepflegt wurde, was vor allem auch ein gesteigertes Interesse von Kriminalisten wie Avé-Lallemant, Günther und Groß/Seelig erklärt5 . Bereits im ’Baseler Rathsmandat wider die Gilen und Lamen’, welches die Grundlage für den Liber vagatorum, eines der bekanntesten Wörterbücher des Rotwelschen, bildete (Girtler, 1998, S.26), geht es vorrangig um Aufklärung und den Schutz vor Räubern und Betrügern. Vor allem gegen Ende des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurden geheimsprachliche Wortsammlungen mit eindeutig praxisorientierem Ansatz häufiger, wie der Untertitel einer um 1755 erschienenen ’Rotwelschen Grammatik oder Sprachkunst’ verdeutlicht:
Das ist: Anweisung / wie man diese Sprache in wenig Stunden / erlernen, reden und verstehen möge; / Absonderlich denjenigen zum Nutzen / und Vortheil, die sich auf Reisen in Wirtshäu / sern und anderen Gesellschafften befinden, / das daselbst einschleichende Spitzbuben=Gesindel, / die sich dieser Sprache befleißigen, zu erkennen, um / ihren diebischen Anschlägen dadurch zu / entgehen.6
Aufgrund der Geheimhaltungsfunktion des Rotwelschen, gibt es sehr wenige Primärquellen, nahezu alle Quellen sind also Aufzeichnungen aus zweiter Hand. Bemerkenswert ist auch, dass, obwohl das Rotwelsche ab dem 18. und vor allem im 19. Jahrhundert nicht länger der Tarnung von Gaunern und heimatlosen Vaganten diente, es auch dann noch weiter benutzt wurde, als die Fahrenden orts- oder stadtansässig wurden (Honnen, 2000, S.15).
Bereits in der Frühzeit des Rotwelschen spielte die Identifikationsfunktion eine wesentliche Rolle, der jedoch erst in der jüngeren Rotwelschforschung Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Im Falle des Rotwelschen gehört der Erwerb der Sondersprache zur gruppenspezifischen Sozialisation. Betrachtet man die Situation der Sprechergemeinschaft, so kann die Bedeutung des Rotwelschen kaum überschätzt werden (Möhn, 1985, S.2010). Im Allgemeinen werden drei Positionen unterschieden, wenn es um das Verhältnis zwischen Sprache und Gesellschaft geht7 :
Während in den frühen Jahren des Rotwelsch vermutlich besonders die erste und zweite Position vorherrschend vertreten sind, so wandelte sich die Gestalt der Sondersprache bis in die heutige Zeit. Die Wechselwirkung zwischen Sprache und Gesellschaft ist einer der wesentlichen Ansatzpunkte der Forschung. Erich Bischoff definierte 1916 das Rotwelsch als Klassensprache. Da die Sprechergemeinschaft über die Jahrhunderte nicht konstant war, sondern jeweils weitere Gruppen sich des Rotwelschen bedienten, ist die Einteilung als Klassensprache nicht ganz zutreffend. Von Beginn an gehörten zu den Sprechern des Rotwelschen (1) Verbrecher, Diebe und Spitzbuben, (2) Landsknechte, (3) Dirnen, (4) Bettler, (5) Landstreicher, Walzbrüder, Kunden, Stromer und (6) Scharfrichter, Schinder und Abdecker. Obwohl sie eine eigene ethnische Gruppe bilden, wurden (7) Juden sowie Zigeuner häufig zur Klasse der Rotwelschsprecher hinzugerechnet. Im 18. Jahrhundert kamen (8) Krämer, Händler, Hausierer und (9) Wandermusikanten und ambulante Handwerker zur Sprechergemeinschaft hinzu, die jedoch sozial anders einzustufen sind. Die ersten sechs Gruppen lassen sich, verallgemeinert gesagt, zu den ’unehrlichen Leuten’, den Friedlosen, Besitzlosen oder zum fahrenden Volk zählen. Für die beiden letztgenannten Gruppen dürfte das Rotwelsche hingegen vielmehr den Status einer Berufs-, statt einer Kastensprache bekleiden. Daraus läßt sich folgern, „daß sich beim Rotwelsch entgegen traditioneller Auffassung die Merkmale von Geheim-, Berufs-, und Klassensprache nicht dividieren lassen“ (Wolf, 1980, S.75).
Es besteht Einigkeit darüber,
„[...] daß Sprachveränderung vor allem das Resultat gruppensprachlichen Handelns ist und daß die sogenannten Kultursprachen, etwa in Gestalt einer Standardsprache, einem historisch gewachsenen kommunikativen Ausgleich zahlreicher Einzelgruppen entsprechen, die sich heute als die Großgruppe ’Sprachnation’ präsentieren.“8
Betrachtet man bestimmte Teilbereiche unseres Wortschatzes, zum Beispiel den alltäglichen Bedarf wie Speisen, Kleidung und Geld, Begriffe aus dem Umfeld der polizeilichen behördlichen Arbeit und zur Orientierung notwendige geographische Gegebenheiten (einschließlich Orts- und Ländernamen), so fällt auf, dass rotwelsches Wortgut hier besonders stark vertreten ist (Spangenberg, 1970, S.25). In der Tat gibt es zahlreiche übernommene Ausdrücke wie Kohldampf, Pustekuchen und Riecher in der allgemeinverständlichen Umgangssprache, deren Ursprung im Rotwelschen liegt. Über unterschiedliche Wege ist rotwelsches Wortgut in die Alltagssprache aufgenommen worden, vor allem auf Umwegen über die Schüler- und Soldatensprache und durch die direkten sprachlichen Kontakte mit niedergelassenen Rotwelschsprechern.
„Auch die Studentensprache, deren Konturen als ’ausgebildete Kastensprache’ verloren
gegangen sind, wies rotwelsche Anteile auf.“ (Möhn, 1980, S.385). Innerhalb der Städte
entwickelte sich die studentische Kultur in Form von Burschenschaften, die ausgeprägtes
Brauchtum und eigene Sprachen pflegten. Das bis heute weit verbreitete Studentenlied
„Gaudeamus igitur“ zeugt von der Verbundenheit der Studenten und Schüler mit den
umherziehenden Vaganten (Girtler, 1998, S.48). Wie das Rotwelsche die Schülersprache
beeinflusst hat, beschreibt Kluge (1895). Die fahrenden Schüler im Reformationszeitalter sind
wichtige Empfänger zahlreicher rotwelscher Worte gewesen, da sie sich „zwischen den Welten“
bewegten. „Vagierende Studenten und Scholar des ausgehenden Mittelalters fanden
offensichtlich Gefallen daran, in ihre Gruppensprache rotwelsche Benennungen zu
übernehmen.“ (Möhn, 1985, S.2016). Durch sprachliche Kontakte traten Worte wie ’Pfiffikus’
in die Schülersprache. Zurückzuführen ist der Pfiffikus bis auf den Ausdruck ’mogeln’, welcher
zum Ende des 18. Jahrhunderts bereits in studentischen Wörterbüchern auftritt und im
eigentlichen Sinne das „Einkneifen der Karten zum Zweck des Betrügens“ bezeichnet.
Hieraus entwickelte sich das Wort Kniff, in Anlehnung an das Einkneifen der Karten,
welches durch Pfiff – vermutlich aufgrund der lautlichen Ähnlichkeit – ergänzt wurde.
Der Pfiffikus bezieht sich demnach auf verabredete Mogelzeichen. (Kluge, 1895,
S.61).
Im Gefolge der Landflucht wurden zahlreiche Rotwelschsprecher ortsansässig, was den Übergang des Argot in die Umgangssprache ebenfalls erheblich begünstigte. Der bandenmäßige Zusammenschluß wich einer mit Scheinarbeit verknüpften Ansässigkeit, in welcher es zu Einzel- und Gelegenheitsstraftaten kam. Durch den Wegfall der sprachlich ausgleichenden Wirkung der Landstraße verlor das Rotwelsche zwar den Status einer einheitlichen Geheimsprache, hatte aber eine bedeutende Einwirkung auf die allgemeine Sprachentwicklung (Wolf, 1956, S.13). Als typischer Soziolekt galt das Rotwelsche jedoch als ’Armeleutesprache’ und bestimmte das Ansehen ganzer Stadtviertel (Möhn, 1980, S.385). Dies ist auch ein Grund für das Aussterben der Rotwelschdialekte, der Gebrauch der Sprache wird mit der sozialen Diskriminierung ihrer Sprecher assoziiert (Siewert, 1991, S.53). Franke zieht daraus die Konsequenz, dass das Aussterben der Rotwelsch-Dialekte nicht zu betrauern sei, da ihr Erlöschen ein „äußeres Zeichen für eine zumindest ansatzweise Lösung schrecklichster sozialer Probleme“ darstellt. Das Weiterleben einzelner Dialekte erfolgt heutzutage noch in Gestalt allgemein verbreiteter Wörter und Redewendungen in der Umgangssprache, als Bezeichnungen für Orte und Waren sowie in Texten von Lokalpresse und Dichtung (Siewert, 1993, S.12).
Nicht alle Regionen in Deutschland weisen jedoch Rotwelschdialekte auf, wie Abbildung 1 belegt. Diese Abbildung veranschaulicht den derzeitigen9 Stand der Rotwelschforschung. Es zeigt sich, dass vor allem im Süden und Westen Schwerpunkte der rotwelschen Mundarten sind. Eine Erklärung ergibt sich aus der Betrachtung der politischen Gegebenheiten im 18. und 19. Jahrhundert, der Zeit, als die Verstädterung einsetzt. Durch die gezielte Anwerbung bestimmter Berufsgruppen einerseits und durch Ansiedlungsverbote andererseits ergab sich die heute anzutreffende Verteilung mit den Schwerpunkten im südlichen und westlichen Teil des Landes.