2.2 Zur Entwicklungsgeschichte der Gaunersprache

Einer der wesentlichen Gründe für die Entstehung des Rotwelschen liegt in der mittelalterlichen Ständeordnung begründet. Hierin werden ehrliche und unehrliche Gewerbe unterschieden, wobei die Bezeichnung ’unehrlich’ nicht komplett identisch ist mit seiner heutigen Bedeutung. Zu den unehrlichen Berufen zählten neben Landstreichern, Spielleuten und Prostituierten auch Müller, Schäfer und Schornsteinfeger. Als Konsequenz dieser Unterscheidung entwickelte sich ein Gemeinschaftsgefühl, auf dessen Grundlage das Rotwelsch entstand (Möhn, 1985, S.2013).

Zu Beginn wurde das Rotwelsche überwiegend von ’fahrendem Volk’ (auch bezeichnet als Vaganten, von vagari, lat.: wandern, umherschweifen) gesprochen, und erst später, mit Einsetzen der Landflucht, in die Dörfer und Städte getragen. Obwohl im frühen Mittelalter prinzipiell nur wenig gereist wurde, gab es doch einige Gruppen, die nahezu dauernd unterwegs waren. Hierzu gehörten unter anderem Bettler, Gaukler, Schausteller, Kaufleute, Pilger und Handwerker.

Auch Räuberbanden, welche bereits im frühen Mittelalter existierten, hatten intensiven Kontakt mit den Vaganten (Landmann, 1962, S.426). Ihre „große Zeit“ kam aber erst im 18. Jahrhundert (Spangenberg, 1970, S.18). Noch Mitte des 19. Jahrhunderts war die Ansicht vorherrschend, dass Gauner keinen festen Wohnsitz haben können, was bezeichnend für die mangelnde Differenzierung des fahrenden Volks ist. Es läßt sich unschwer erkennen, welchen Status die ’Nicht-seßhaften’ zu dieser Zeit hatten (Günther, 1965, S.2). Die Vagantenpopulation im 18. Jahrhundert machte mindestens 10% der Gesamtbevölkerung aus, was nicht zuletzt auf den ambulanten Handel, also die von Hof zu Hof reisenden Hausierer, zurückzuführen war (Honnen, 2000, S.26). Nicht jeder Vagant war somit auch gleichzeitig ein Gauner.

Eine besondere Rolle in dieser Sprechergemeinschaft bildeten „die Juden“4 . Aufgrund zahlreicher Repressionen und Auflagen war ihnen kein anderes Handwerk als das des Handels erlaubt, was zur Folge hatte, dass es keine nichtjüdischen Kaufleute gab (Landmann, 1962, S.427). Aber nicht nur Händler, sondern auch jüdische Diebesbanden bestimmten das Bild der Vaganten. Aufgrund des hohen Drucks seitens der Gesellschaft schlossen sich vereinzelt jüdische Räuberbanden zusammen, die die Repressalien der Obrigkeit nicht weiter hinnehmen wollten. Händler wie Räuber hatten Kontakt mit den umherziehenden Vaganten und trugen so zur Vermengung der Wortschätze und somit zur Entstehung des Rotwelschen bei. Von einer unverhältnismäßig hohen Beteiligung der Juden kann jedoch keine Rede sein (Landmann, 1962).