4 Das Vokabular der Gaunersprache

Sondersprachen wie das Rotwelsche können durchaus mehrere Ausgangssprachen haben, die jeweils ihre Spuren hinterlassen (Auburger, 1981). Chronologisch wie inhaltlich kann man das Rotwelsche in drei große Schichten einteilen12 :

  1. Der Bestand der ältesten Ausdrücke, wie sie im Liber vagatorum zu finden sind, welchem nahezu alle in die Belletristik eingeflochtenen Rotwelschausdrücke entnommen sind.
  2. Der Bestand der zwischen dem Ende des Dreißigjährigen Krieges und dem Ende des napoleonischen Zeitalters hinzugekommenen Ausdrücke. Hierfür charakteristisch ist eine massive Übernahme hebräischer, jiddischer und zigeunersprachlicher Vokabeln.
  3. Der Bestand, welcher im Zuge des städtischen Miteinanders Eingang in das Rotwelsche gefunden hat. Verglichen mit dem klassischen Rotwelsch wirken die aus der Umgangssprache des ’Lumpenproletariats’ entnommenen Ausdrücke eigenständig.

Schottel teilt das klassische Rotwelsch bereits 1663 in „viererley Arten“ ein (Kluge, 1901). Als erste und vornehmste Art bezeichnet er den Gebrauch von fremden Worten („[...] an stat etlicher Teutschen Worte ganz andere seltsame Worte sind erdichtet, die immer der Rede eingemengt werden [...]“). Als zweite Variante beschreibt Schottel eine Silbendopplung „mit Zwischenmengung des Buchstaben p“, wodurch Worte wie ’du’, ’ich’ oder ’uhr’ zu ’dupu’, ’ipich’, oder ’upuhr’ werden. Die dritte Art besteht aus zwei Regeln. Silben, die mit einem Konsonanten anfangen, bewegen diesen hinten an die Silbe und hängen an diese ein zusätzliches e. Also werden ’gib’ und ’dar’ zu ’ibge’ und ’arde’. Fängt das Wort mit einem Vokal an, so wird dieser nicht wie ein Konsonant verschoben, es wird statt eines einfachen ’e’ ein ’we’ angehängt. Dadurch werden ’ich’ und ’als’ zu ’ichwe’ und ’alswe’. Eine vierte Art findet sich bei Schottel trotz Ankündigung nicht.

Als Mittler zwischen äußerer und innerer Welt erlaubt die Sprache einen Rückschluss auf das Sozialleben (Forgas, 1999). Auch für das Rotwelsche sind solche Schlussfolgerungen möglich. Vor allem der Kriminalist Günther (1965) zeigt mit seiner nach Lebensbereichen geordneten Auflistung rotwelscher Ausdrücke, in welchem Umfeld sich deren Sprecher bewegt haben. Besonders umfangreich ist bei ihm das Vokabular in den Bereichen Wertgegenstände, Polizei, Gefängnis und Zoologie. Girtler (1998) beschreibt ein ähnliches Bild, bei ihm zeigt sich darüberhinaus noch eine Vielfalt von Bezeichnungen für Verbrecher13 , Sexualität und Prostitution, Nahrungsmittel und Alkohol sowie Umschreibungen des Betrügens oder Streitens.

Dass unterschiedliche Sprachen Einfluss auf das Rotwelsche genommen haben, ist unbestritten, jedoch sind frühere Annahmen über den jeweiligen Anteil nicht immer korrekt gewesen. Wurde zu Beginn der Rotwelschforschung noch angenommen, der gesamte Wortschatz bestünde überwiegend aus jiddischen und zigeunersprachlichen Ausdrücken, so zeigt sich mittlerweile ein differenzierteres Bild. Bereits ein erster Blick in den spätmittelalterlichen Text der Betrügnisse und des zugehörigen Glossars zeigt das bis heute typische Bild einer deutschen Sondersprache14 :

  1. Grammatik, Syntax, Lautung und große Teile des Wortschatzes orientieren sich am Ortsdialekt;
  2. andere Teile des Wortschatzes sind durch Übernahme zentraler Begriffe aus anderen Sprachen verfremdet;
  3. Bildung neuer Wörter durch Zusammensetzung und Ableitung gemeinsprachlichen Wortgutes in bisher unüblicher Weise.


 4.1 Deutsche Einflüße
 4.2 Jüdischdeutsche und hebräische Einflüße
 4.3 Zigeunersprachliche Einflüße
 4.4 Einflüße anderer Sprachen